Portrait

Mutterbegriff: Bildgattung

Portrait / Bildnis
 
[von lat. protrahere: hervorziehen; auch: von althochdeutsch bilidi: Bildnis]
 
Vgl. dazu Totenmaske?, Effigies?
 
Das Portrait ist neben Historienbild, Genrebild?, Landschaftsbild? und Stillleben? eine der klassischen, selbständigen Gattungen? der Malerei?. Portraits bzw. Bildnisse sind abbildende oder auch deutende Darstellung einer bestimmten Persönlichkeit. Sie können als Gemälde sowie als dreidimensionales Kunstwerk (Plastik?, Portraitbüste?, Reiterstandbild?) hergestellt sein. Signifikant für das Portrait ist die Darstellung des Gesichts als wichtigster Schlüssel der Identifikation, als pars pro toto der menschlichen Erscheinung.
 
Formal lässt sich zunächst zwischen Einzel- Doppel- und Gruppenportrait unterscheiden. So genannte Tripel-Portraits?, die drei Ansichte derselben Person auf einem Gemälde zeigen, dienten in der Regel als Vorlage für Portraitbüsten. 
 
Weitere formale Kriterien der Gestaltung sind: 1.Haltung und Verhalten: sitzend, stehend, auf dem Pferd etc. 2.Ausschnittwahl mit abnehmender Distanz zum Portraitierten: Ganzkörperportrait, Kniestück, Hüftbild, Halbfigur mit Händen, Brüstbild, Schulterstück (Büste), nahsichtiges Kopfbild 3.Ansicht/Blickwinkel: frontale Vorderansicht (en face), Seitenansicht (Profil), Viertel-, Halb-, Dreiviertelprofil, verschwindendes Profil 4.Blick des Portraitierten (dem Betrachter oder weiteren Figuren des Bildnisses zu- oder abgewandt)
 
Über den Bildgehalt, die soziale Stellung des Portraitierten sowie die Beziehung der dargestellten Personen zueinander, lässt sich der Portraittypus bestimmen: 1.Herrscherbildnis (Kaiser-, König-, Fürstenbildnis) 2.Standesbildnis (Innungs-, Schützen-, Pastoren-, Gelehrtenbildnis usw.) 3.Gesellschaftsbildnisse (Frauen-, Kinder-, Greisenbildnisse, Familienbildnisse, Hochzeitsbildnisse usw.) 4.Selbstbildnis (Maler und Dargestellter sind dieselbe Person)
 
Portraits beziehen sich immer auf Personen, die real existiert oder existiert haben. Durch Ähnlichkeit dem menschlichen Original (Urbild) stellt das Portrait (Abbild) eine Beziehung zwischen beiden her. Die Ähnlichkeit zwischen Urbild und Abbild kann nur durch den Vergleich sichergestellt werden, der sich jedoch nur auf die äußere Hülle des Menschen beziehen kann.
 
Als Wurzeln des Bildnisses können antike Kaiserbildnisse und Portraits des Totenkults gelten, die auf den Kopf der Mumienhülle platziert wurden. Sowohl das frühchristliche Märtyrerbildnisse als auch das mittelalterliche Typenbildnis? (Idealbildnis) kennt keine Verpflichtung zur individuellen Darstellung. Das Wiedererkennen der dargestellten Personen (zunächst wichtige Persönlichkeiten wie Herrscher, Adel, Klerus, Stifter) wurde durch Attribute, Insignien, Inschriften, durch das Benennen der Person mit ihrem Namen sichergestellt. Das Portrait war eher Sinnbild für das Amt, das die Person innehatte.
 
Die Ähnlichkeit zwischen Urbild und Abbild muss also nicht im Sinne naturalistischer, sondern im Sinne einer erkennbaren Ähnlichkeit bestehen, die maßgeblich vom Künstler selbst bestimmt wird. Form, Funktion und Ansprüche an das Bildnis haben sich im Lauf der Jahrhunderte verändert und mit ihnen auch die Vorstellung von der Relation zwischen Urbild und Abbild. Bildaufgaben des Portraits können sein:
 
1.Repräsentation: Das Portrait vertritt den lebenden, aber körperlich abwesenden Dargestellten (Abbild gilt ebenso als Person wie das Urbild) Das Bildnis ist der Dargestellte 2.Präsenz: Portrait verdoppelt den abwesenden Dargestellten. Durch das Abbild ist der Dargestellte präsent im Leben wie im Tod. 3.Fixierung: Das Portrait sichert die anschauliche Vorstellung des Dargestellten über den Tod hinaus.
 
Lit.: PREIMESBERGER, Rudolf (Hg. u. a.). Portrait (Eine Geschichte der klassischen Bildgattungen, Bd. 2). Reimer, Berlin 1999. Lexikon der Kunst: Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie, 7 Bde. Seemann, Leipzig 1987–1994 (zweite, unveränderte Aufl. 2004); TURNER, Jane (Hg.). The Dictionary of Art. Macmillan, London 1996.