Historienbild

Mutterbegriff: Bildgattung

[von gr./lat. historia: eigentl. Wissen, Kunde; aber auch Geschichte]

 
Das Historienbild ist neben Portrait, Genrebild?, Landschaftsbild? und Stillleben? eine der klassischen, selbständigen Gattungen? der Malerei?. Bildinhalte (Sujets) des Historienbildes sind Darstellungen historischer bzw. geschichtlicher Ereignisse, die auf diese Weise vergegenwärtigt bzw. rekonstruiert wurden.

Zur Historie gehören nicht nur geschichtliche – im heutigen Sinne historische – Ereignisse, sondern auch religiöse und mythologische Themen, die als Teil der menschlichen Geschichte aufgefasst wurden. Sujets von Historienbildern umfassen daher ein breites Themenspektrum:

1.historische und politische Ereignisse der Vergangenheit oder unmittelbaren Gegenwart wie Staatsbesuche, Schlachten, Friedenschlüsse etc. 2.Religiöse Geschichten der Bibel oder Heiligenlegenden. 3.Mythologische Geschichten, die von antiken Dichtern beschriebene Götterwelt wie z.B. Ovids Metamorphosen.

Sonderformen des Historienbildes sind Schlachtenbilder? sowie Ereignisbilder?, die zeitgenössische, noch im Bewusstsein befindliche Ereignisse darstellen und die momentane Sicht auf das Ereignis dokumentieren.

Der Begriff Historie wurde durch die Jahrhunderte hinweg unterschiedlich aufgefasst. Erstmalig taucht der Begriff istoria in Leon Battista Albertis Della Pittura (1435) auf, der an dieser Stelle nicht mehr als den erzählerischen Zusammenhang zwischen dargestellten Personen meint. Bis Mitte des 16. Jh.s sind Bildinhalte des Historienbildes nicht fest definiert. Trotzdem gibt es bereits in der Frührenaissance Spezialisierungen der Maler auf verschiedene Bildthemen, die qualitativ unterschiedlich bewertet wurden.

Historienbilder wurden seit jeher mehr als alle anderen Bildgattungen geschätzt, da für diese Darstellungen die Einbildungskraft des Künstlers (invenzione) notwendig war. Stillleben, Landschaft sowie Genrebild wurden noch nicht als eigenständige Gattung gewürdigt und auch das Portrait wurde als reine Nachahmung der Natur bewertet. Die Auffassung von Historie ist zu Beginn deutlich religiös geprägt. Darstellungen historischer Ereignisse fanden sich zunächst nur in der höfischen Kunst wieder.

Die Reformation stellt eine wichtige Zäsur für die Definition des religiösen Historienbildes dar. Im protestantisch calvinistischen Bereich wurden Historienbilder zunehmend aus dem kirchlichen Kultkontext herausgelöst und dienten nun auch im privaten Bereich als Exempel tugendhafter Lebensführung. Im Zuge der Gegenreformation der katholischen Gebiete wurde das religiöse Historienbild zur höchsten Stufe aller Bildgattungen erhoben. Die Historie sollte ohne schmückendes Beiwerk dargestellt werden und sich in den Dienst der Kirche stellen. Der Künstler wurde auf diese Weise zum Vermittler der reinen Lehre des Katholizismus. Nicht mehr die invenzione, sondern die verità (Wahrhaftigkeit) zeichnete das angemessene religiöse Historienbild aus. Im 16. und 17. Jh. wurden zunehmend auch mythologische Themen zum Sujet des Historienbildes.

Die Hierarchie der Bildgattungen verfestigte sich vor allem mit Gründung der Kunstakademien Mitte des 17. Jh.s. und blieb bis ins 19. Jh. gültig. Das Historienbild wurde vornehmlich für repräsentative und politische Zwecke eingesetzt. Es diente gleichermaßen der Verherrlichung des Herrschers und wurde zum Medium ideologischer und politischer Auseinandersetzungen. Erst mit der Entwicklung der gegenstandslosen Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts löste sich die Hierarchie der Bildgattungen endgültig auf.

 

Lit.: GAETHGENS, Thomas W. und Uwe Fleckner (Hg.). Historienmalerei (Eine Geschichte der klassischen Bildgattungen, Bd. 1). Reimer, Berlin 1996; Lexikon der Kunst: Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie, 7 Bde. Seemann, Leipzig 1987–1994 (zweite, unveränderte Aufl. 2004); TURNER, Jane (Hg.). The Dictionary of Art. Macmillan, London 1996.