Einführung

Kunstwerke sind keine singulären Geniestreiche. Vielmehr entstehen sie in einem dichten Geflecht unterschiedlichster historischer Bedingungen. Das gerät durch die Präsentation eines Bildes oder einer Skulptur in einer Ausstellung in Vergessenheit. Stattdessen werden durch Hängungen oder urbane Veränderungen neue Kontexte hergestellt.

Um Architektur, Skulptur und Malerei angemessen beurteilen und deuten zu können gehört die Rekonstruktion und Vergegenwärtigung ursprünglicher und die Konstruktion neuer Kontexte zu den wichtigsten Aufgaben von Kunstwissenschaftlern.

Im Unterschied zum Münnerstädter Altar oder dem Dom von Osnabrück (vgl. Modul 2), ist das heute in der Eremitage gezeigt Gemälde von Lorenzo Lotto am weitesten von seinem ursprünglichen Kontext entfernt. Statt im Interieur eines italienischen Palazzo, ist es hier in die Abteilung italienische Malerei integriert und wird in erster Linie als Repräsentant venezianischer Malerei um 1520 wahrgenommen. In der folgenden Abbildung sehen Sie, wie sich nicht nur durch Hängungen nach Jahrhunderten, sondern eben auch durch Konfrontation mit Unerwartetem völlig neue Kontexte ergeben.

Bildquelle: http://www.monstersandcritics.de/media/articles2/73299/article_images/image2_1207825087.jpg

Zur Rekonstruktion des ursprünglichen Kontextes gehört die Vergegenwärtigung des ursprünglichen Aufbewahrungsortes und die damit verbundene Funktion des Werks ebenso, wie Überlegungen zur Position der Arbeit im Oeuvre des Künstlers oder Baumeisters. Mindestens genauso wichtig ist es, sich mit der ikonographischen Tradition eines bestimmten Themas (einer Gattung, einem narrativen Sujet) oder einer bestimmten Form (Darstellung von Körper/Gewand/Raum, Entscheidung für Architekturformen bzw. -gliederungen ) auseinander zu setzen.

Michelangelo Buonarotti: Pietà (1499), Marmor, Rom St. Peter
Bildquelle: http://magcritic.files.wordpress.com/2008/06/michelangelo-pieta1.jpg

 


Tizian: Pietà (um 1574) Öl a.Lwd.
Bildquelle: http://www.meisterwerke-online.de/tizian/original5095/pieta-unvollendet.jpg

 

Annibale Carracci: Pietà (ca 1599) Neapel, Museo Capodimonte
Bildquelle: http://www.reproarte.com/files/images/C/carracci_annibale/0297-0068_pieta.jpg

Zeigt erst der Vergleich mit zuvor Entstandenem, wo sich Veränderungen – radikale Neuerungen oder auch nur kleine Varianten - sichern lassen, so ist die analytische Beschreibung dieses Wandels Voraussetzung einer der wichtigsten Fragen: Warum die aktuelle Lösung gewählt wurde. Die je zeitgenössische Diskussion eines bestimmten Themas (z. B. bildtheoretische und/oder theologische Auseinandersetzungen mit der Pietà) wird dabei ebenso eine Rolle gespielt haben, wie die hiervon nicht unabhängigen Vorstellungen des Auftragebers oder Bewunderung bzw. Kritik eines Künstlers, der sich mit einer vergleichbaren Bildaufgabe auseinander gesetzt hat. Womöglich wurde mit dem Werk aber überdies eine bestimmte kunsttheoretische Position und/oder eine klar bestimmbare Haltung zu aktuellen politischen Prozessen bezogen.

 

Donatello Judith enthauptet Holofernes (1455-60), Bronze, Florenz Piazza dell Signoria
Bildquelle: http://farm1.static.flickr.com/32/37679479_565f58edf4.jpg

 

 

Genauso gut ist möglich, dass ein Werk sich mit irgendeinem anderen historisch relevanten Thema, etwa mit der Konstruktion von Geschlecht


Sofonisba Anguissola, Selbstportrait
Bildquelle: (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:SofonisbaAuto.jpg)

einem juristischen oder (natur)wissenschaftlichen Diskurs auseinander setzte.

Rembrandt: Die Vorlesung des Dr. Tulp (1632) Mauritshuis, Den Haag.
Bildquelle: http://www.znanje.org/i/i26/06iv04/06iv0412/Malerei/Rembrandt-Anatomie-Vorlesung-des-Dr-Tulp.JPG

 

Eine völlig andere Facette des Kontextes sind Übernahme oder Variation bestimmter formaler Lösungen, wie sie nicht nur für Malerei und Skulptur, sondern eben auch für Architektur nachweisbar und für die Beurteilung von Bauten unverzichtbar sind. Hier Vertiefung vergl.Sehen Osnabrücker Dom

Die Aufzählung anderer Facetten des ursprünglichen Kontextes ist erweiterbar. Wichtiger ist es, die Unverzichtbarkeit der Rekonstruktion solcher Zusammenhänge für die Deutung eines Kunstwerkes anzuerkennen, davon auszugehen, dass stets mehr als nur ein Diskurs thematisch wird und grundsätzlich eine über formale und ikonographische Vergleiche hinausweisende Methode zu verfolgen ist.

Auf welche zeitgenössischen Themen sich ein Werk bezieht, wird meist durch das jeweilige Sujet und seine ganz spezifischen Akzente bereits nahe gelegt. Um jedoch rekonstruieren zu können, auf welche Weise bestimmte Themen in einer konkreten historischen Situation diskutiert wurden, müssen Sie zunächst das Medium wechseln: Sie müssen lesen. Denn es sind in erster Linie schriftliche Quellen, also zeitgenössische Texte, die die für Deutung und Bewertung unverzichtbaren Informationen liefern.