Sekundärliteratur Riemenschneider

Hartmut Krohm [Hrsg.], Zum Frühwerk Tilman Riemenschneiders, eine Dokumentation, Berlin 1982, S. 26 f.


DER MAGDALENEN-ALTAR VON MÜNNERSTADT
Tilman Riemenschneider, 1490-92

Münnerstadt (Kr. Bad Kissingen), kath. Pfarrkirche St. Maria Magdalena - Berlin Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Skulpturengalerie - München, Bayerisches Nationalmuseum

Sämtliche Bildwerke in Lindenholz und ohne Farbfassung; die Standbilder rückseitig ausgehöhlt, die Höhlung von Johannes dem Evangelisten noch heute, die von Johannes dem Täufer früher mit einem Brett verschlossen (beide Gesprengefiguren in der einstigen Aufstellung auch von der Rückseite her ansichtig). Maria Magdalena aus der Erhebung durch die Engel: H. 189,5 cm, Kilian: H. 202,5 cm, Elisabeth: H. 183,5 cm, Gnadenstuhl: H. 135 cm, Johannes der Evangelist: H. 146 cm, Johannes der Täufer: H. 147 cm, die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes: H. 72,5 - 73,5 - 77,5 - 73 cm, Relief mit dem Gastmahl im Hause des Simon: H. 143, Br. 102 cm, Relief mit der Erscheinung des auferstandenen Christus vor Magdalena: H. 143,5, Br. 102 cm, Relief mit der letzten Kommunion von Magdalena: H. 143, Br. 103 cm, Relief mit der Grablegung von Magdalena: H. 143, Br. 104 cm. Der Flügelaltar wurde zunächst ohne Farbfassung im Chor der Stadtpfarrkirche aufgestellt. Eine Bemalung erhielt er allerdings 12 Jahre später, und zwar 1504/05 durch den Nürnberger Bildschnitzer Veit Stoß, der nach der Verurteilung und Bestrafung wegen einer Geldaffäre zu seinem Schwiegersohn nach Münnerstadt geflohen war. 1649-53 erfolgte eine vollständige Erneuerung des Hochaltares in barocken Formen, dabei wurden einige der Riemenschneider-Skulpturen - mit neuer Fassung - wieder verwendet. Die vier Evangelisten aus der einstigen Predella 1706 versilbert und wieder in der Kirche aufgestellt. 1756 wurde die Magdalenenfigur wohl wegen ihrer „Blöße“ auf Anordnung der Geistlichen Regierung in Würzburg aus dem Barockaltar entfernt. Vor 1826 gelangten das Magdalenenbild und die Reliefs vom linken Flügel in die Sammlung Wilhelm Sattler auf Schloss Mainberg bei Schweinfurt. 1833/34 wurde der Altar des 17. Jahrhunderts niedergelegt, an seiner Stelle errichtete man nach einem Entwurf von Friedrich Donlé einen neugotischen Aufbau, der hier bis 1945 stand und in den ebenfalls Bildwerke des Altares von Riemenschneider, abermals neu gefasst, übernommen waren (Kilian, Elisabeth, Johannes der Evangelist, Johannes der Täufer, der Gnadenstuhl). 1887 wurden die Evangelistenfiguren für die Berliner Museen angekauft. 1901 gelangten bei der Versteigerung der Sammlung Sattler die Maria Magdalena aus dem ehemaligen Schrein in das Bayerische Nationalmuseum München, in dessen Besitz sich auch die zugehörigen Engelpaare befinden, ferner die Relieftafel mit der Erscheinung Christi vor Maria Magdalena in die Berliner Museen; der Sammler Benoit Oppenheim, Berlin, erwarb das Relief mit der Darstellung des Gastmahls im Hause des Simon (seit 1923 in der Berliner Sammlung Dr. Gerhart Bollert und seiner Erben, seit 1979 Eigentum des Bayerischen Nationalmuseums). 1953/54 entfernte man die neugotische Farbfassung der in Münnerstadt verbliebenen Standbilder. 1977/78 Restaurierung sämtlicher Altarteile in Münnerstadt und Berlin innerhalb des Forschungsprojektes. Die noch an Ort und Stelle befindlichen Skulpturen (und Kopien nach einigen der Originale in Museumsbesitz) wurden 1981 entsprechend der ursprünglichen Anordnung in einem neuen Hochaltar aufgestellt, bei dem man sich in den Maßen und Proportionen nach den rekonstruierbaren Daten des Riemenschneider-Retabels richtete.

Der Auftrag zur Fertigung eines großen Altares für den Chor der Pfarrkirche von Münnerstadt am Südrand der Rhön wurde Tilman Riemenschneider am 26. Juni 1490 durch den Rat der Stadt erteilt. Als Entlohnung war die Summe von 145 Gulden festgesetzt, die höchstwahrscheinlich auch die Schreinerarbeit mit einschloss. Um Ostern 1492 sollte der Altar von dem Bildschnitzer selbst am Bestimmungsort aufgestellt werden. Der Termin wurde allerdings überschritten; erst am 30. September 1492 quittierte Riemenschneider die letzte Zahlung. Aus der Entstehungszeit des Flügelretabels hat sich ein reiches Urkundenmaterial erhalten: der Vertrag, eine das Programm und seine Verteilung festlegende Ausführungsvorschrift, ein Schreiben Riemenschneiders an den Komtur des Deutschordenshauses zu Münnerstadt sowie fünf vom Künstler eigenhändig ausgestellte Quittungen (eine sechste im letzten Krieg verbrannt). Es handelt sich im Falle des Münnerstädter Magdalenen-Retabels um das früheste für Riemenschneider archivalisch belegte Altarwerk und zugleich um den ersten in Süddeutschland nachweisbaren monochromen Flügelaltar, bei dem zunächst auf eine farbige Ausgestaltung mittels Faßmalerei bewusst verzichtet worden ist. Eine Veränderung dieser Konzeption erfolgte durch die Ausmalung, die Veit Stoß 1504/05 vornahm. Anhand der von ihm stammenden, in Münnerstadt überlieferten vier Darstellungen aus der Legende des hl. Kilian, gemalt auf die damals leeren Außenseiten der Flügel, lassen sich die Maße des einstigen Schreines errechnen, der eine Höhe von 383,5 cm und eine Breite von 262 cm besessen haben dürfte. Aus dem Verhältnis der Höhe zur Breite des Schreingehäuses lässt sich aller Wahrscheinlichkeit nach der Proportionsschlüssel ermitteln, der ehedem für die Abmessung der übrigen Teile der Architektur und für die Aufstellungshöhen der Bildwerke im Gesamtzusammenhang verbindlich war. Die Maßverhältnisse waren abgestimmt auf die Dimensionen des umgebenden Raumes: bei geöffnetem Schrein füllte der Altar den Chorraum in der Breite nahezu bis zur Hälfte aus. Das Retabel hatte bis zum Abschluss des Gesprenges eine Mindesthöhe von 12,90 m. Hinsichtlich einer Rekonstruktion liefert die erwähnte Ausführungsvorschrift Angaben zur ursprünglichen Anordnung des Programms. Anhaltspunkte für Einzelheiten der Ausführung bietet der fast vollständig erhaltene Skulpturenbestand: so ist anzunehmen, dass die zentrale Gruppe des Schreines, Darstellung der von Engeln zum Himmel empor geleiteten Maria Magdalena, von einem wohl durchfensterten Chörlein, der Rückwand außen angefügt, hinterfangen war. Von den größeren Bildwerken fehlt heute lediglich das in der Ausführungsvorschrift so bezeichnete „hübsch Marienbilde“ aus dem Gesprenge, vermutlich eine Figur der Gottesmutter als Fürsprecherin für die sündige Menschheit. In der künstlerischen Gestaltung wie in der inhaltlichen Konzeption gleichermaßen anspruchsvoll, stellte das Bildprogramm des Münnerstädter Altares in den Mittelpunkt die Pfarrpatronin, die hl. Maria Magdalena, von Christus bekehrte Sünderin und Beispiel für Reue über vorausgegangene Schuld. Im Schrein ist ihre legendäre Erhebung durch Engel während des Bußlebens in der Einöde dargestellt; ihre Blöße wird von einem den ganzen Körper überwallenden Haarkleid verdeckt. Links und rechts standen der hl. Kilian, Missionar der Franken, und die hl. Elisabeth mit einem Bettler, Patronin des im Dienste der Nächstenliebe tätigen Deutschen Ordens, der in Münnerstadt eine Niederlassung besaß. Besonders hinzuweisen wäre auf die Verbindung von einer szenischen Gruppe im Zentrum des Schreingehäuses mit seitlich zugeordneten Standbildern repräsentativen Charakters. Die Flügelreliefs schildern die Bekehrung Magdalenens, die Erscheinung Christi vor der Heiligen nach seiner Auferstehung, gedeutet als besonderer Gnadenerweis, der ihr wegen ihrer Reue zuteil wurde, schließlich zwei Begebenheiten aus dem Kontext der Bußlegende. Der Gnadenstuhl aus dem Gesprenge, Gottvater mit dem Leichnam seines Sohnes, versinnbildlicht die Erlösungstat Christi und verweist ebenso wie die Evangelisten auf die sich am Altartisch vollziehende Messfeier. Der abschließende Gesprengetabernakel war mit der Gestalt von Johannes dem Täufer besetzt, der angesichts des nahenden Heilandes zu Buße und Umkehr des Lebenswandels aufrief.