Was daraus folgt

Nachdem Sie erfahren haben, dass Ihre Wahrnehmungsurteile von einer schier unüberschaubaren Menge unterschiedlicher Faktoren bestimmt ist, fragen Sie sich vielleicht, wie sich unter solchen Bedingungen Kunstwerke überhaupt noch verlässlich wahrnehmen, beschreiben, geschweige denn fundiert deuten lassen. 

Wir können Sie beruhigen: Es ist möglich. So werden Sie nicht nur sehen, dass sich die allermeisten visuellen Zeichen zweifelsfrei und eindeutig identifizieren lassen, Sie werden auch feststellen, dass und wie bislang existierende Verarbeitungsmuster sich aufgrund des ganz spezifischen Wissenserwerbs sukzessive verändern. Was vorher nur eine Frau mit einem zerbrochenen Rad war, ist schon bald als Heilige Katharina zu identifizieren und was vorher nur eine große monochrome Farbfläche war, wird sich als Kommentar zur Metaphysik der Farbwirkung entziffern lassen.
Und obwohl Sie jetzt auch wissen, dass Sie aus verschiedenen Gründen nie alles werden wahrnehmen können, wir versichern Ihnen, dass Sie in der Kunstwissenschaft lernen können, weitaus mehr zu sehen, als alle, die sich nie oder auf ganz andere Weise mit Bildern beschäftigt haben. Die Fähigkeit, mehr und auch anders sehen zu können, ist die Folge einer ganz bestimmten selektiven Aufmerksamkeit. 

Auf deren Mechanismen verlässt sich die Kunstgeschichte wie jede andere Disziplin auch. Physiker oder Betriebswirte reduzieren und bündeln ihre Aufmerksamkeit lediglich in anderer Weise als Kunsthistoriker.  
Was die Spezifika kunstwissenschaftlicher Aufmerksamkeit sind, wird von den Ihnen im Studium begegnenden Anforderungen definiert. Mit Sicherheit beziehen sie sich auf Genauigkeit der Betrachtung oder auf die Fähigkeit, Gesehenes in eine adäquate Sprache zu verwandeln; hinzu kommt aber auch eine Neugier, die unerbittlich danach fragt, warum etwas so und nicht anders dargestellt wurde.

Kunstwissenschaft bietet Ihnen ein ganzes Bündel von grundlegenden Fertigkeiten, Gesehenes zu beurteilen und zu deuten. Ein Teil wird Ihnen schon in diesem Programm begegnen und je häufiger Sie die im folgenden vorgestellten Techniken anwenden und trainieren, desto schneller werden Sie sich Perspektiven aneignen, die Teile einer ganz spezifischen Form selektiver Aufmerksamkeit darstellen. Hinzu kommt indes ein kaum kalkulierbarer, überaus produktiver Rest. 

Denn die Komplexität Ihrer Wahrnehmung, welche Fragen Sie an Kunstwerke stellen und wie kritisch Sie mit Forschung umgehen werden, dürfte zwar viel mit Ihrer Vergangenheit zu tun haben – sicher aber genauso viel mit einer relativ selbstbestimmten Gestaltung Ihrer Gegenwart. Die Qualität Ihrer Qualifikation hängt nicht nur von der Lehre, sie hängt wesentlich auch von Ihrem Engagement ab.