Täuschung

Von der Antike bis zum 19. Jh. war bildende Kunst zur Nachahmung und d. h. eben auch zur Vortäuschung von Wirklichkeit verpflichtet. Fühlte sich Platon (5.J h. v. Chr.) dadurch berechtigt, Malerei und Skulptur als wahrheitsferne, immer nur Spiegelbilder produzierende Täuschungen zu diskreditieren, so waren für Plinius d. J. (1. Jh. n. Chr.) gelungene Täuschungen der Betrachter ein klares Indiz für die Meisterschaft eines Malers.

Johannes von Sandrart, Zeuxis und Parrhasius, 1675
Quelle: http://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/mikro/jpg/mikro079.jpg

Der Stich illustriert einen bei Plinius erzählten Wettstreit zwischen den Malern Zeuxis und Parrhasios. Sobald Zeuxis den Vorhang lüftete, sah man auf der Wand ein Stilleben, dessen Gelungenheit Vögel veranlasste, nach den Trauben zu picken. Als daraufhin Parrhasios aufgefordert wurde, nun auch den sein Werk verdeckenden Vorhang beiseite zu schieben, gestand er, dass dies nicht möglich sei. Er hatte ihn nur gemalt. Nicht nur Tiere waren von dem Werk getäuscht worden, sondern sogar die Jury.


In der frühen Neuzeit wird diese Qualität auch anlässlich frühneuzeitlicher Portraits erinnert, die, wie beispielweise Baldassar Castiglione (1. Hälfte 16. Jh.) berichtet, Kinder über Ab- und Anwesenheit einer Person zu täuschen wussten.

Raffael: Baldassar Castiglione (1514-15), Ol a.Lwd., 82 x 66 cm, Louvre, Paris
Quelle: http://www.artchive.com/artchive/r/raphael/raphael_castiglione.jpg


Zugleich hatten Kunsttheoretiker dem Verdikt Platons widersprochen und verschiedentlich wird auf Bildern sogar thematisch, dass Kunst zwar eine Vortäuschung von Wirklichkeit, zugleich aber viel mehr als nur deren Spiegelung ist. Kunst übertrifft die Natur und ist vielmehr Konstruktion und Resultat einer reflektierten Deutung von Wirklichkeit.

Abb.: Giovanni Bellini, Frau mit Spiegel (1515) Öl a. Lwd., 62 x 79 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien
Quelle: http://www.wga.hu/art/b/bellini/giovanni/1510-/210mirr.jpg

Das auf Wahrnehmungsurteile, ihre Überlistung und ihre Reflexion abzielende Spiel von Täuschung und Enttäuschung wurde mit der Erfindung der Zentralperspektive im 15. Jh., deren Entwicklungen in den Raumausstattungen des späten 16. Jh. oder den trompe l´oeuils des 17. Jh. ebenso thematisch, wie in der Kunst des 20.und 21. Jahrhunderts.

Paolo Veronese, Villa Maser, Fresko, um 1560
Quelle: http://www.unites.uqam.ca/AHWA/Meetings/2000.CIHA/Kerscher/MASER-V.JPG


Abb.: Samuel van Hoogstraeten, Quodlibet, um 1660, Öl auf Leinwand, 63 × 79 cm

Abb.: Domenico Remps, Kunstkammerschrank 2.Hälfte 17.Jh.

Abb. links: Duane Hanson, Security guard, 
bemalte Bronze, Accessoires, 1990

 Abb.: Hans Peter Reuter, Documenta-Raum-Objekt, 1977,  
Raum: Majolika-Fliesen, 415 x 370 x 1400 cm,
Bild: Öl/Lwd., 351 x 370 cm, Documenta 6, Fridericianum, Kassel  


Die Beispiele zeigen, dass bildende Kunst immer wieder als überaus geeignetes Medium zur Irritation und Schärfung von Wahrnehmungsurteilen begriffen und eingesetzt wurde.