Reduktion und Selektion II

Sie haben gerade erlebt, was selektive Aufmerksamkeit ist. Eine einzige Anweisung – es war die Aufforderung, Ballkontakte zu zählen -  hat Ihre Wahrnehmung in einer ganz bestimmten Weise gelenkt und dadurch einen Reduktionsprozess ausgelöst, der Sie wichtige Veränderungen des Geschehens schlicht hat übersehen lassen. Die Erfahrung von selektiver Aufmerksamkeit lässt sich auf unbewegte Bilder übertragen. Sie sollten sich deshalb immer vergegenwärtigen, dass Methode und Fragestellungen, unter denen Bilder betrachtet werden, auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung und insofern auf die Deutung von Bildern hat.


Das Thema Komplexitätsreduktion, egal ob von außen gesteuert oder nicht, ist durch die flächendeckende Verbreitung bewegter Bilder und ihrer zunehmend perfektionierten Bearbeitung auf ganz neue Weise virulent geworden. So hat etwa das gleiche Labor herausgefunden, dass das Hirn im Zuge selektiver Aufmerksamkeit hierarchisch strukturiert arbeitet. Wurden bei einem von Dialogen begleiteten Film, Gesprächsinhalte gut erinnert, so wurden visuell wahrnehmbare Veränderungen der Szene, das Verschieben von Gegenständen oder das Entfernen von Personen z. T. überhaupt nicht bemerkt. 
Aber das Experiment ist vor etwa 10 Jahren durchgeführt worden und womöglich haben sich Wahrnehmungsordnungen und Verarbeitungsmuster derweil angepasst und verändert.  Wo Seherfahrung massiv von den oft akustisch unterlegten, ungeheuer schnellen Bilderfolgen neuer Medien geprägt wird, ist vermutlich die Bereitschaft zur Reduktion erhöht. Vielleicht wird die Verarbeitung des Wahrgenommenen auf ein rasches Verwerfen von Eindrücken bzw. auf das Herausfiltern von vermeintlich Wichtigem konditioniert. Doch letztlich ist ungewiss, welche Folgen die neuen Medien für die Verarbeitungskompetenz, bzw. den damit einhergehenden Wandel von Sehordnungen haben werden. Sicher ist nur, dass Wahrnehmung und Umwelt schon immer in einem Interdependenzverhältnis standen. So wie historische Faktoren Wahrnehmung bestimmt haben, so haben umgekehrt Wahrnehmungsmodi historische Prozesse und Ereignisse geprägt. Deshalb sollten Sie
stets vergegenwärtigen, dass zwischen Ihrer Wahrnehmung und jener vergangener Jahrhunderte ein großer Unterschied besteht.