Sehen und wahrnehmen

Kunstgeschichte ist die einzige Wissenschaft, in der systematisch und fundiert Wahrnehmung, Beschreibung und Deutung von Kunstwerken gelehrt wird. Deshalb ist für alle, die mit Artefakten umgehen, eine weit überdurchschnittliche Aufmerksamkeit für visuelle Zeichen unverzichtbar. Dies um so mehr, als nicht nur die Produktion, sondern auch die Deutung von Kunst Ergebnis eines Wahrnehmungsprozesses und seiner Reflexion ist. So liegt es nah, sich vorab mit einigen Gesetzmäßigkeiten visueller Wahrnehmung auseinander zu setzen.

 

Was Kunst mit Philosophie und Neurobiologie zu tun hat

Die Einsicht, dass Wahrnehmung keineswegs wahr und weder objektiv noch umfassend ist, verdanken wir nicht der - neuerdings für manchen zur Leitwissenschaft avancierten- Hirnforschung. Die Tücken sinnlicher Wahrnehmung waren vielmehr schon Platon und Aristoteles bekannt und ihnen ist auch die ganz zentrale, bis heute hilfreiche Differenzierung in Wahrnehmung und Wahrnehmungsurteile zu verdanken. Diese Unterscheidung legt bereits nah, was heute bewiesen ist: dass zwischen den rein physikalischen Vermögen unserer Sinnesorgane (Sehen, Hören Riechen, Tasten) und der Verarbeitung der von ihnen empfangenen Reize im Hirn unterschieden werden muss. Auch wenn beide Fähigkeiten natürlich voneinander abhängig operieren.
Im 20. Jh. konnte durch Experimente und neuere bildgebende Verfahren zunächst gezeigt werden, in welcher Weise visuelle Wahrnehmung durch Gesetze der Optik beeinträchtigt wird. So ist allgemein bekannt, dass unser Sehvermögen bereits durch den sogenannten „blinden Fleck“ eingeschränkt ist.

Abb.: Versuch zum blinden Fleck. Grafik: HBK Braunschweig - ZMB (Manthey) Halten Sie bitte das linke Auge geschlossen und fixieren Sie mit dem rechten Auge den Punkt. Dann verändern Sie den Abstand zum Bildschirm und achten Sie dabei (immer den Punkt fixieren) auf das Kreuz.

Sie werden feststellen, dass das Kreuz zwischenzeitlich kurz verschwindet. Dies kommt durch eine blinde Region auf unserer Netzhaut zustande: Die sogenannte Papille, die Stelle, an der der Sehnerv aus dem Auge austritt. Er sitzt etwa 15° schläfenseitig vom Fixierpunkt. Hier gibt es keine Sinneszellen. Den mit dieser Stelle korrespondierenden Bereich des Gesichtsfelds nennt man den Blinden Fleck. Normalerweise nehmen wir diese blinde Stelle nicht wahr; das dadurch entstandene „Loch“ wird nämlich durch unsere Gehirnleistung geschlossen, indem Bildinformationen des jeweils anderen Auges oder benachbarter Areale verwendet werden.

Abb.: Gesichtsfeld eines (linken) Auges, Polardiagramm und Simulation des „Bildeindrucks der Retina“ Grafiken: HBK Braunschweig - ZMB (Manthey unter Verwendung einer Abb. von )

Wie bei einem Fotoapparat fällt das Licht durch die Pupille ins Innere des Auges. Dabei wird es zunächst an der Hornhaut (cornea) und der Linse gebrochen. Genau wie bei der Kamera steht die Abbildung, die dabei entsteht, auf dem Kopf. Zur Anpassung an kurzfristige Änderungen der Helligkeit (Adaption) dient die Iris, ähnlich einer Blende. Damit enden die Ähnlichkeiten mit einer Kamera aber auch schon. Das Gesichtsfeld eines Auges (gelbe Linie) erstreckt sich von fast 90° auf der Schläfenseite bis ca 60° auf der Nasenseite. Zum Boden hin überschreitet es 70°, nach oben nähert es sich 60°. Das Farbempfinden (zunächst für Blau) setzt um 70° (blaue Linie) ein. Vollständiges Farbensehen ist innerhalb des rot markierten Bereichs möglich. Das „scharfe“ Sehen ist auf einem relativ kleinen Bereich im Zentrum (ca 1 % des Sehfeldes) möglich.

Betrachten Sie das folgende Bildbeispiel. Versuchen Sie dabei, die grauen Punkte zu zählen.

Abb.: Schwierigkeiten?

Obwohl es gar keine grauen Punkte gibt, sehen Sie sie! Das am eigenen Leib erfahrene Phänomen nennt man „laterale Hemmung“. Dabei kommt eine Funktion der Nervenzellen im Auge zum Tragen, die – vereinfacht – dazu dient, die Kontraste zwischen benachbarten Punkten zu verstärken. Dabei bewirken spezielle Nervenzellen, die Horizontalzellen, dass bei der starken Reizung einer Sinneszelle die Reizung benachbarter Zellen geschwächt wird.

Die Beispiele illustrieren, wie unzuverlässig und lückenhaft die Leistung des Auges ist. Umso beeindruckender, dass es trotzdem möglich ist, Gesehenes zutreffend zu beurteilen. Warum das so ist, hat die Neurobiologie erforscht.
Soweit bekannt, kompensiert das Hirn die physikalischen Grenzen des Sehens, indem es erst dann Wahrnehmungsurteile fällt, wenn das singuläre und beschränkte Bild durch eine unzählige Menge anderer Sinneseindrücke (Bilder, ggf. auch Gerüche, Tast- und Hörbares) ergänzt ist. Die Unmenge aktueller Sinnesreize wird miteinander, aber auch mit bereits in der Vergangenheit verarbeiteten Informationen kombiniert. Das geschieht, indem die aktuell empfangenen Sinnesreize einem bereits bekannten Verarbeitungsmuster entsprechend bearbeitet werden. Dies Muster ist zwar prägend für die Bearbeitung, doch beständig erweiter –und wandelbar. Sonst wäre weder Lernen möglich, noch die manchmal radikalen Veränderungen von Wahrnehmungsurteilen während eines einzigen Lebens.  

Kehren wir nochmals zur zweiten Illustration zurück: Das auf der Netzhaut erscheinende Bild nicht nur als dreidimensionales Gebilde, sondern überdies als Sakralraum zu identifizieren, wird vermutlich den meisten erwachsenen, in der westlichen Kultur sozialisierten Menschen gelingen. Deutlich geringer dürfte die Anzahl jener sein, die versichern, dass es sich im Kern um ein Gebäude des 13. Jh. handelt und noch viel weniger Menschen würden das Gesehene schließlich als mittelalterliche Basilika mit barocker Erweiterung erkennen.
Damit ist einmal mehr deutlich, dass Differenziertheit und Komplexität der Wahrnehmungsurteile von kulturellen Bedingungen und individuellen Ausbildungen abhängig ist.  

Genese aber auch Fehleranfälligkeit der Wahrnehmungsurteile beschäftigten bereits die Naturphilosophie der Antike und der frühen Neuzeit. Interessant genug spielte dabei bildende Kunst von Anfang an eine wichtige Rolle. Dass und wie Philosophie und bildende Kunst aufeinander reagierten lässt sich gut durch einige Beispiele aus der Geschichte der Kunst zeigen.