Ergänzungsleistungen

In der Unkontrollierbarkeit den Vexierbildern und der Farbwahrnehmung vergleichbar, sind nun aber auch andere die Wahrnehmung bestimmende Faktoren: individuelle körperliche, emotionale und intellektuelle Erfahrungen, situationsgebundene Konstellationen oder bestimmte, vom Gedächtnis abhängige Erwartungen. Hat vieles davon zur oben erwähnten Herausbildung bestimmter Verarbeitungsmuster beigetragen, so wirkt anderes nur in einer konkreten Situation. Sicher ist dagegen, dass ein kaum entwirrbares, geschweige denn erfass – oder kontrollierbares Knäuel von Bedingungen bestimmt, wie Sie Objekte der Außenwelt wahrnehmen. War bis zum 19. Jh. nur ein Teil solcher Wahrnehmungsbedingungen bekannt, so hat die vor etwa einem Jahrhundert zunächst in Psychologie und Psychoanalyse, dann in der Neurobiologie vorangetriebene Forschung eine kontinuierlich wachsende Zahl solcher Bedingungen entdeckt. Die folgenden Experimente gewähren Ihnen einen bescheidenen Einblick.

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Sie haben gerade erlebt, dass bei der Beurteilung von Wahrgenommenem nicht nur aktuelle Sinnesreize eine Rolle spielen. Bei deren Verarbeitung wird vielmehr - vorbewusst und unkontrollierbar - auf bereits im Gedächtnis Gespeichertes zurückgegriffen. Deshalb wird gerade das verschwommen oder fragmentarisch Wahrnehmbare unter Rekurs auf das Gedächtnis zu einem Ihnen bereits bekannten Gegenstand - in diesem Fall A. Lincoln - ergänzt. Ihr Gedächtnis hat das aktuell
Gesehene mit bereits Gelerntem, also einem bestimmten Verarbeitungsmuster verknüpft. Aufgrund der Erfahrung, gibt es nun eine neue Verknüpfung; sie schützt vor Wiederholung des Irrtums.

Auf eine diesem Mechanismus vergleichbare, stets ergänzende Funktion des Gedächtnisses bezieht sich bereits Aristoteles (5. Jh. v. Chr.), wenn er in De Anima erwähnt, dass viele Menschen im Formlosen Formen zu erkennen meinen. Was letztlich ein Rekurs auf die vom Gedächtnis ermöglichte Ergänzung ist, wurde in der antiken Philosophie und noch in der frühneuzeitlichen Kunst und ihrer Theorie (z.B. bei Leonardo da Vinci) als Leistung der phantasia bezeichnet. 


Abb.: Andrea Mantegna, Heiliger Sebastian (ca 1459). Kunsthistorisches Museum (Wien). Öl auf Holz, 68x30 cm.
Abb.: Detail aus Mantegna, Hl.Sebastian

Während Impressionismus und Pointillismus ganz gezielt die Fähigkeit des ergänzenden Sehens thematisierten ... 

sollte der letztlich auf dem gleichen Prinzip basierende, durchaus problematische und kontrovers diskutierte Rorschach-Test in einem Zweig der Psychologie des 20. Jh. eingesetzt werden, um auf die Persönlichkeit der Getesteten zu schließen.